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Aus dem Einladungsschreiben anlässlich der Veranstaltung mit Moshe Zuckermann jeweils am 10. und 11. Dezember 2010 Eckhard Lenner 1. Ergänzend zu unserer Veranstaltungsreihe „ISRAEL-Mythos und Wirklichkeit“ beginnen wir mit der Einladung von Moshe Zuckermann eine zweite Reihe, in deren Rahmen die „besonderen Beziehungen“ zwischen Deutschland und Israel untersucht werden sollen – ihre historischen, psychologischen, moralischen Aspekte und ihre konkrete politische und ökonomische Ausgestaltung. In offiziellen Verlautbarungen wird stets die ausgezeichnete Qualität dieser Beziehungen gepriesen. Israel erwartet von Deutschland bedingungslose Solidarität und bekommt sie auch bereitwilligst zugestanden – die deutsche Kanzlerin erklärt gar Israels Sicherheit zu einem „Teil der Staatsräson meines Landes“. Aus dem von Deutschen begangenen Völkermord an den europäischen Juden leitet man die Verpflichtung ab, zu den von Israel an den Palästinensern verübten Verbrechen zu schweigen bzw. die israelische Politik mit Wort und Tat zu unterstützen. In dem Bestreben, die alte Schuld zu sühnen, lädt man neue Schuld auf sich. Zu den „deutschen Befindlichkeiten“, denen diese kurzschlüssige und unverantwortliche Politik entspringt, wird Moshe Zuckermann Erhellendes zu sagen wissen. Aufgrund seiner Lebensgeschichte und seiner wissenschaftlichen Arbeit verfügt er über eine genaue Kenntnis sowohl der israelischen wie auch der deutschen Verhältnisse. Er ist daher in besonderem Maße prädestiniert, bei dem Thema „Deutschland und Israel“ – einem Thema, bei dem die Sicht durch starke Nebelbildung erheblich behindert ist - für die dringend benötigte Klarheit der Begriffe und die erforderliche Unvoreingenommenheit im Umgang mit den Tatsachen zu sorgen. Vor dieser Aufgabe hat sich die kritische Intelligenz in Deutschland bisher zumeist gedrückt – nicht zuletzt weil der allzeit drohende Vorwurf des Antisemitismus (wiewohl durch inflationäre missbräuchliche Verwendung längst inhaltsleer geworden) immer noch seine einschüchternde Wirkung tut. Vor diesem Hintergrund kann auch das kürzlich erschienene Buch von Moshe Zuckermann - „Antisemit!“ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument - eine wichtige Funktion erfüllen. Es ist eine Sammlung von selbständigen kurzen Abhandlungen zu verschiedenen Aspekten des Gesamtthemas. Im ersten Teil geht es um „israelische Realitäten“ (Israel und die Shoah; Instrumentalisierung der Shoah – u.a. in der Rede von Shimon Peres vor dem deutschen Bundestag am 27.01.2010 - ; Netanyahus Rede vor der UNO-Vollversammlung am 24.9.2009; Der Außenminister Lieberman; Israels politische Kultur). Der zweite Teil befasst sich mit deutschen Themen (Deutsche Lasten; Anmerkungen zum Antisemitismus; Ausufernde Hysterie; Vorauseilende Selbstzensur – u.a. der Rausschmiss von Finkelstein; Angela Merkels Knessetrede). Wir werden das Buch an unserem Infotisch verkaufen. Für alle, die sich auf Vortrag und Seminar einstimmen wollen, sind diesem Einladungsschreiben und dem Veranstaltungs-Flugblatt einige Texte von bzw. zu Zuckermann mitgegegeben, u.a. das „Schlusswort“ . Hier scheint ein Hinweis angebracht: Unbestreitbar widersetzt sich Zuckermanns anspruchsvoller Schreibstil wegen seiner Komplexität einem flüchtigen Lesekonsum. Als Vortragender formuliert Zuckermann seine Gedanken weit weniger kompliziert, er will ja beim ersten Hören verstanden werden. Wie er sich anhört, davon kann sich jeder, der über einen Internetanschluss verfügt, einen Eindruck verschaffen wenn er sich einen seiner aufgezeichneten Vorträge im Internet anschaut. 2. Zur Vorbereitung hat sich der bisherige Jeff-Halper-Kurs am Mittwoch, 1.Dezember, im Pfarrheim von St. Benedikt (in der Schrenkstr. 2 A) getroffen und sich mit einem Zuckermann-Vortrag von 2006 beschäftigt: „Zwischen Antisemitismus und Philosemitismus. Welche Solidarität kann es sein?“ 3. Kurzer Bericht von den Veranstaltungen mit Jeff Halper am 15. und 16. November Die Aula der Hochschule für Philosophie erwies sich als angenehmer Veranstaltungsort: ein großzügig dimensionierter Saal, aber doch überschaubar und intim genug, um eine gute Kommunikation zwischen Podium und Auditorium zu ermöglichen. Bei den Wortmeldungen aus dem Publikum wäre allerdings ein schnurloses Saalmikrophon hilfreich gewesen. Sehr erfreulich war, dass sich ein zahlreiches Publikum in die Kaulbachstraße aufgemacht hatte. Mit etwa 130 Besucherinnen und Besuchern war das Parkett gut gefüllt. Bei solchen öffentlichen Veranstaltungen spielt die Zahl doch eine nicht unbedeutende Rolle: je mehr Leute umso deutlicher die Botschaft an eine – bei diesem Thema - kleinmütige oder indifferente oder unfreundlich gesonnene Öffentlichkeit. Der Schauspieler Jürgen Jung eröffnete den Abend mit einer eindrucksvollen Darbietung einer eindrucksvollen Textpassage aus dem Buch „Ein Israeli in Palästina“, in der Jeff Halper erzählt, wie er zum ersten Mal Zeuge einer Hauszerstörung durch die israelische „Zivilverwaltung“ wird. Dieses zutiefst verstörende Erlebnis bedeutet den Wendepunkt in seinem Leben als Israeli: er durchbricht die unsichtbare Scheidewand, die die jüdischen Israelis von der Lebenswirklichkeit der einer brutalen Herrschaft ausgelieferten, rechtlosen und ohnmächtigen Palästinenser trennt. Dieses Schlüsselerlebnis bewirkt bei ihm einen Erkenntnisschub: er beginnt das Wesen des zionistischen Kolonialismus, mit dem er sich bis dahin als linker, also durchaus kritischer Zionist und Friedensaktivist irgendwie arrangiert hatte, zu begreifen. In seinem anschließenden Vortrag führte Jeff Halper die Resultate dieser kolonialen Besitz –ergreifung in Palästina anschaulich und gut nachvollziehbar vor Augen. Hinterher meinte ein kluger und – wie üblich – im Großen und Ganzen über den Nahostkonflikt informierter Zuhörer, heute habe er zum ersten Mal verstanden, worum es in Palästina-Israel eigentlich gehe. Eine bezeichnende Rückmeldung. So niederdrückend und empörend die Sachverhalte auch sind, von denen Jeff Halper spricht, sein Vortrag zielt nicht auf emotionale Erregung und Betroffenheit, sondern auf intellektuelles Begreifen, letztlich auf einen Bewusstseinswandel, damit das Denken frei wird für kreative, menschenfreundliche Konzepte. Jeff Halper ist überzeugt, das Israel zu einem Überdenken seiner zionistischen Staatsdoktrin und damit zu einer Änderung seiner Politik aus eigener Kraft nicht imstande ist. Es müsse von außen dazu gezwungen werden. Die Zivilgesellschaften und – von ihnen gedrängt – die Regierungen des Westens müssten ihm bei seinem unumgänglichen Abschied vom Kolonialismus behilflich sein. Er sieht in einer energischen, konsequent durchgehaltenen internationalen Boykottkampagne ein wirksames Mittel dazu: Boykott Israels auf vielen Ebenen (politisch, ökonomisch, kulturell, sportlich), Investitionsentzug, Sanktionen – auf englisch: Boycott, Divestment, Sanctions – B D S – so lange, und nur so lange, bis Israel sich von seiner völkerrechtswidrigen Gewaltpolitik verabschiedet hat. Den Münchnern empfahl Jeff Halper, sich die ortsansässigen Rüstungsbetriebe und ihre Kooperation mit Israel vorzunehmen. Die 1000.- Euro, die bei der spontanen Spenden-Sammlung im Saal für das von Jeff Halper geleitete Israelische Komitee gegen Häuserzerstörung (ICAHD) zusammenkamen, sind vielleicht ein Hinweis, dass er mit seinen Ausführungen an diesem Abend nicht wenige im Publikum erreicht hat. In dem Seminar am nächsten Abend – auch diese Veranstaltung war mit 50 Teilnehmern gut besucht - ging es vor allem um ein Thema, das Jeff Halper „Global Gaza“ nennt: die Globalisierung des know how, das sich Israel bei der Unterdrückung und „Pazifizierung“ der Palästinenser erwirbt, und der Export der zu diesem Zweck entwickelten Waffen und Sicherheitstechnik („praxiserprobt!“). Die Nachfrage ist laut Jeff groß, und Israel ist in dieser Branche Spitzenreiter und hat sich längst unentbehrlich gemacht. 4. Von Jeff Halpers Buch haben wir bisher 57 Exemplare verkauft. Trotz verschiedener vom Verlag zu verantwortender Mängel – vor allem wurde die Qualität von Jürgen Jungs sorgfältiger und gut lesbarer Übersetzung durch die vom Verlag veranlasste „Überarbeitung“ stellenweise deutlich gemindert – ist diesem Buch weitestmögliche Verbreitung zu wünschen. Wenn erst mal genügend Menschen in Deutschland durch seine Lektüre begriffen haben, worum es bei diesem angeblich unlösbaren Konflikt geht und welche Hindernisse einer Lösung im Weg stehen, dann ist der Zeitpunkt gekommen, an dem sich die zahlreichen Bediener der Israel-Propaganda-Maschinerie in unserem Land nach einem neuen Job umschauen müssen. Dann wird – um nur dieses Beispiel aus jüngster Zeit zu nennen – das angesehene SZ-Magazin einem Herrn Herz von der Universität Erfurt nicht mehr die Gelegenheit geben wollen, einer gutgläubigen, weil unzureichend informierten Leserschaft seine seriös verpackten Lügen über Israels Gaza-Invasion 2008/09 aufzutischen (12.11.2010). Das Buch ist leider in einem kleinen Berliner Verlag erschienen (AphorismA) und muss vom Buchhändler direkt beim Verlag bestellt werden, was natürlich nicht von einem Tag auf den anderen geht. Die ISBN–Nummer lautet: 978–3–86575-020-4. Selbstverständlich haben wir auch Exemplare auf unserem Infotisch. 5. Im Jeff-Halper-Kurs haben wir uns in vier Sitzungen mit diesem Buch beschäftigt, wobei wir auch, wie Sie wissen, versucht haben, mit der „Themenzentrierten Interaktion“ methodisch neue Wege des Lernens in der Gruppe zu beschreiten. Ziel ist es, uns eine gemeinsame inhaltliche Grundlage zu erarbeiten als Voraussetzung für eine erfolgreiche Aufklärungsarbeit. Die bisherigen Erfahrungen sind offenbar so ermutigend, dass der Kurs seine Arbeit im Neuen Jahr fortsetzen will. Wer neu dazustoßen will – mit viel, mit wenig, mit keinen Vorkenntnissen -, ist herzlich willkommen (Tel: 089/85 34 95).
Der Antisemitismus-Vorwurf als Herrschaftsinstrument In der Vorbemerkung zu seinem Buch „Antisemit!“ Ein Vorwurf als Herrschaftsinstrument zitiert Moshe Zuckermann den deutschen Historiker Theodor Mommsen. Als dieser angesehene Gelehrte in den 1880-er Jahren gebeten wurde, er möge sich doch zum Antisemitismus äußern, sein Wort könne sich „hilfreich und reinigend“ auswirken, antwortete er: „Sie täuschen sich, wenn Sie annehmen, dass (in dieser Sache) überhaupt etwas durch Vernunft erreicht werden könnte. In vergangenen Jahren habe ich das selbst geglaubt und fuhr fort, gegen die ungeheuerliche Niedertracht des Antisemitismus zu protestieren. Aber es ist nutzlos, völlig nutzlos. Was ich oder irgend jemand anders sagen könnte, sind in letzter Linie Argumente, logische und ethische Argumente, auf die kein Antisemit hören wird. Sie hören nur ihren eigenen Hass und Neid, ihre eigenen niedrigsten Instinkte. Alles andere zählt für sie nicht. Sie sind taub für Vernunft, Recht und Moral. Man kann sie nicht beeinflussen ... Es ist eine fürchterliche Epidemie, wie die Cholera – man kann sie weder erklären noch heilen ...“ Antisemitismus ist, bedenkt man seine verheerenden Folgen in der jüngeren Vergangenheit, sicher eine der schändlichsten Ausprägungen rassistischer Ideologie. Seine Ächtung ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Problematisch und kontraproduktiv wird es allerdings, wenn die Bekämpfung des Antisemitismus politisch missbraucht wird und Anti-Antisemitismus selber zur – Herrschaft stabilisierenden – Ideologie wird. Längst ist es üblich geworden, Kritiker der israelischen Gewaltpolitik mit dem Vorwurf des Antisemitismus mundtot zu machen und notwendige vernunftgesteuerte Debatten zu unterdrücken. Antisemitismus, Antizionismus, Israelkritik – alles wird in einen Topf geworfen und zu einem „Antisemitismus“-Einheitsbrei verkocht – zur allfälligen demagogischen Verwendung. Moshe Zuckermann analysiert diese – demokratiepolitisch höchst gefährliche – Entwicklung. Aus seiner Sicht hat sich die missbräuchliche Verwendung des Antisemitismus- Vorwurfs zu einer „fürchterlichen Epidemie“ ausgewachsen. Ob diese Seuche geheilt werden kann, wird sich zeigen. Dass sie benannt, erklärt und in ihrer ganzen Dimension verstanden werden muss, steht außer Frage. Antisemitismus & Philosemitismus Wir wissen aus der Antisemitismusforschung, dass (ein- und derselbe) Impuls ins Antisemitische oder ins Philosemitische ausschlagen kann: Antisemitismus und Philosemitismus basieren auf einer Abstraktion des Juden, des Judentums, des Staates Israel und ... auch der Shoa. Dieses Ressentiment, auch wenn wenn es philosemitisch daherkommt, zu dekonstruieren, ist nicht minder wichtig als die Bekämpfung des realen Antisemitismus. Seine Entlarvung ist nicht weniger relevant als die rational zu erörternde Frage: Was geht dort in Israel und Palästina vor. Dieses Ressentiment, das sich für Solidarität ausgibt, hat nämlich stets mit der Befindlichkeit des sich Solidarisierenden zu tun, sehr oft aber nichts, absolut gar nichts mit dem Gegenstand der Solidarität, weder mit Israel noch mit Palästina. Moshe Zuckermann, Zwischen Antisemitismus und Philosemitismus. Welche Solidarität kann es sein? Vortrag in der Evangelischen Akademie Hofgeismar, 2006 Dialektik des Zionismus Die Juden in Israel, die behaupten, es spiele keine Rolle, was man über unsere Taten sagt – man habe uns immer schon gehasst und werde uns in alle Ewigkeit hassen –, vertuschen einen wichtigen Aspekt des Problems: Erst seit Errichtung des zionistischen Staates, der ja das „jüdische Problem“ ein für allemal lösen sollte, haben Juden in Israel angefangen, den Hass diverser Nichtjuden „ehrlich zu verdienen“. Wundersame Dialektik des Zionismus. Das will mitnichten besagen, dass es keine Antisemiten mehr auf der Welt gebe. Aber welche „humanistische“ Rationalisierung für ihr Ressentiment liefert ihnen der Zionismus – gerade er. (Moshe Zuckermann, Zeit der Lemminge. Aphorismen, 2007)
Salam
Shalom Arbeitskreis
Palästina-Israel e.V. setzt sich für einen gerechten
Frieden für die Menschen im Nahen Osten ein.
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